Gitterstäbe im Kopf - Wie wir unsere eigenen Gefängnisse bauen

Es gibt ein ganz persönliches Gefängnis, das Gefängnis in unserem Kopf. Entstanden aus häufig unbewussten, aus der Lebensgeschichte entsprungenen Idealen und Maßstäben, die wir seit frühester Kindheit aufgenommen haben. Die Eltern, als auch die Gesellschaft in der wir gelebt haben, lieferten Maßstäbe und Glaubenssätze, die an uns gerichtet wurden und die wir als Wahrheit anerkannt haben, weil uns als Kind keine andere Möglichkeit blieb, da wir unsere Eltern existentiell brauchten und auf sie angewiesen waren.

 

Im inneren Gefängnis tätig - Der innere Richter

- mit einem Maßstab für alles, was aus Ihnen eine glückliche, perfekte und akzeptable Person macht. Ebenso hat er auch Maßstäbe für andere Menschen in Ihrer Umgebung. Diese Maßstäbe hat er in Ihrem Umfeld gelernt, von Menschen mit denen Sie aufgewachsen sind, und von denen, die in Ihrem Leben vielleicht auch nur für eine Weile aufgetaucht sind. Er weiß viel, da er über alle Ihre gelernten Informationen verfügt. Im Äußeren begleitet er Sie bewusst oder unbewusst mit seinen Meinungen, Ratschlägen, Warnungen, Ermahnungen oder Einschätzungen zu allen Aspekten Ihrer Selbst und den Menschen, die Sie umgeben. Stets haben Sie seine ermahnende oder höhnische Stimme im Ohr, sei es bei der Einladung zum Frühstück: Soviel Marmelade auf dem Brötchen?, oder beim Sport: Das war nicht genug, andere halten die Anstrengung länger aus, als auch am Wochenende auf der Couch: Laß Dich ruhig gehen, Du warst ja eh immer der faule Typ Mensch, oder auch: Wie kommst Du eigentlich darauf, dass sich irgend jemand für Dich interessiert?

Oder, oder, oder...

 

Der innere Richter vergleicht Sie stets mit anderen Menschen und gibt Ihnen ein Gefühl von Unzulänglichkeit, er lenkt bewusst oder unbewusst Ihr Leben. Er hält Sie von allen Neigungen ab, die er als unkontrollierbar oder gefährlich einstuft, und möchte aufgrund seines Bildes aus Ihnen einen akzeptablen und erfolgreichen Menschen machen.

 

Der innere Richter bewertet und schätzt unablässig Ihren Wert als menschliches Wesen und schränkt damit die Fähigkeit ein, unabdingbar in der Gegenwart zu sein.

 

Vergleiche mit anderen Menschen dienen der Verbesserung der eigenen Lebensbedingungen in der Welt. Wenn der Vergleich jedoch dazu gebraucht wird, um sich konstant mit anderen zu vergleichen, wirkt er schädigend. Der ständige Vergleich mit anderen Menschen führt unweigerlich dazu, dass die Selbstkritik steigt und man ebenfalls einen Standard erreichen möchte, der nicht zur eigenen Persönlichkeit passt. Dieses wiederum führt zur Erstarkung des inneren Richters, der nun noch mächtiger über einen selbst richtet -  die Folge wiederum ist noch mehr Selbstkritik und - bestrafung, noch mehr Anstrengung, dass selbst vorgegebene Ziel aufgrund des Vergleichs zu erreichen. Der selbstzerstörerische Prozess hat begonnen, Ihr Selbstwert gerät ins Wanken. Um dieses Defizit auszugleichen, möchten Sie Ihre vermeinten Unzulänglichkeiten verstecken. Sie versuchen alles richtig zu machen, um Ihrem Umfeld die Möglichkeit zu nehmen sie möglicherweise zu kritisieren. Denn schließlich sind Sie ja ihr eigener, schärfster Richter. Sie versuchen stets so zu sein, wie Sie sein sollen, wie der innere Richter es vorgesehen hat. 

 

Weil man schon früh gesellschaftlichen als auch familiär geprägten Idealen hinterherrennt, denkt man dass dies normal ist.

Wenn diese Ideale nicht erreicht werden, meldet sich der erhobene Finger des inneren Richters, der nur darauf wartet sein Urteil über Sie zu sprechen.

Was glauben Sie, wieviel Stress und Unzufriedenheit dadurch entstehen, wieviel Misstrauen man zu anderen entwickelt, da man häufig im ständigen Konkurrenzkampf mit anderen Menschen steht? Wer immer unter Druck steht und negativ sich über sich denkt, produziert im Gehirn Botenstoffe, die dem Körper nicht gut tun und ihn schwächen. Der Irrsinn der ständigen Selbstoptimierung kann unterschiedliche körperliche Symptome oder Krankheiten hervorrufen und es ist möglich, dass es bis zum physischen oder psychischen Zusammenbruch kommt.

 

Was Sie tun können

Wenn Sie bemerken, dass sie Glaubenssätze haben, (wie z.B. "Ich bin zu dick - zu dünn - zu dumm..."), schauen Sie sich diese genauer und versuchen Sie, sie zu hinterfragen und auf den Grund zu gehen, z.B. mit der Verortung eines bestimmten Glaubenssatzes. Woher kommt er, wer hat ihn in der Vergangenheit gesagt und in welchem Zusammenhang? Passt er heute noch zu mir? Brauche ich ihn noch, hat er heute dieselbe Funktion wie damals? Wofür war er vielleicht nützlich?

Machen Sie den ersten Schritt, um aus der Verworrenheit Ihrer Glaubenssätze und Selbstverurteilungen herauszutreten.

Hinterfragen Sie die innere Stimme, die Sie stets begleitet und verurteilt!

 

Kleine Übung - Durchschauen Sie die Maske des inneren Richters

Wählen Sie einen Moment, in dem Sie gerade einen Menschen kritisch beurteilen, gehen Sie kurz in sich und spüren Sie in sich hinein.

Welches Gefühl haben Sie gerade, bedrückt Sie etwas?

Fühlen Sie sich gerade selber kritisiert und hat Ihre Verurteilung des anderen damit zu tun?

Warum greifen Sie gerade jemanden anderen an?

Generell können Sie in Situationen, in denen Sie anderen gegenüber kritisch gegenüberstehen, oftmals als Anzeichen dafür nehmen, dass Ihre eigenen Gefühle der Aufmerksamkeit bedürfen. Das kann dazu beitragen, dass Sie sich selber ehrlicher und intimer erleben.