Gitterstäbe im Kopf - Wie wir uns unser eigenes Gefängnis bauen


Es gibt ein ganz persönliches Gefängnis, das selbsterrichtete Gefängnis in unserem Kopf. Häufig entstanden aus unbewussten, aus der Lebensgeschichte entsprungenen Idealen und Maßstäben, die wir seit frühester Kindheit aufgenommen oder entwickelt haben. Das Umfeld in dem wir als Kind lebten, lieferte Maßstäbe und Glaubenssätze, die wir als für uns geltende Wahrheit anerkannten. Und weil uns als Kind keine andere Möglichkeit blieb als uns den vorliegenden Gegebenheiten anzupassen, entwickelten wir für uns ein inneres Geländer, an dem wir Halt fanden und welches uns Orientierung und Sicherheit gab. Dieses Geländer besteht aus Handlungsmustern und Grundannahmen, die uns für unser Umfeld akzeptabel machten und uns einen Platz im gegebenen Familien - oder Gesellschaftssystem sicherte.

 

 

In unserer Entwicklung zum Erwachsenen änderten sich jedoch mit der Zeit einige Gegebenheiten im unserem System, wir greifen trotzdem bei vermeintlich ähnlichen Situationen auf gelernte Handlungsmuster zurück, die oftmals nicht zu den neuen Gegebenheiten passen.

 

 Im inneren Gefängnis tätig - Der innere Richter

- mit einem Maßstab für alles, was aus Ihnen eine glückliche, perfekte und akzeptable Person macht.

Ebenso hat er auch Maßstäbe für andere Menschen in Ihrer Umgebung. Diese Maßstäbe hat der innere Richter von Menschen mit denen Sie aufgewachsen sind, und von denen, die in Ihrem Leben vielleicht auch nur für eine Weile aufgetaucht sind. Ebenso weiß der innere Richter über gesellschaftliche Maßstäbe, in die wir hineingeboren wurden.

Er weiß viel, da er über alle Ihre gelernten, teilweise auch unbewußten Informationen verfügt. Im Äußeren begleitet er Sie bewusst oder unbewusst mit seinen Meinungen, Ratschlägen, Warnungen, Ermahnungen oder Einschätzungen zu allen Aspekten Ihrer Selbst und den Menschen, die Sie umgeben. Stets haben Sie seine ermahnende oder höhnische Stimme im Ohr, sei es bei der Einladung zum Frühstück: Soviel Marmelade auf dem Brötchen?, oder beim Sport: Du bist nicht sportlich genug, dein*e Laufkollege*in hat mehr Kondition , als auch am Wochenende auf der Couch: Laß dich ruhig gehen, du warst ja eh immer der faule Typ...

Diese Liste lässt sich unendlich lang erweitern...

 

Der innere Richter vergleicht Sie stets mit anderen Menschen und gibt Ihnen ein Gefühl von Unzulänglichkeit, er lenkt Ihr Verhalten und bestimmt Ihr Selbstbild. Er hält Sie von allen Neigungen ab, die er als unkontrollierbar oder gefährlich einstuft, und möchte aufgrund seines Bildes aus Ihnen einen akzeptablen und erfolgreichen Menschen machen.

 

Der innere Richter bewertet und schätzt unablässig Ihren Wert als menschliches Wesen und schränkt damit die Fähigkeit ein, unabdingbar in der Gegenwart zu sein. Vergleiche mit anderen Menschen dienen der Verbesserung der eigenen Lebensbedingungen in der Welt. Wenn der Vergleich jedoch dazu gebraucht wird, um sich konstant mit anderen zu vergleichen und zu werten, wirkt er schädigend. Der ständige Vergleich mit anderen Menschen führt unweigerlich dazu, dass die Selbstkritik steigt und man ebenfalls einen Standard erreichen möchte, der nicht zur eigenen Persönlichkeit, zum eigenen Lebensstil, passt. Dieses wiederum führt zur Erstarkung des inneren Richters, der nun noch mächtiger über das Selbst richtet -  die Folge wiederum ist noch mehr Selbstkritik und Selbstablehnung, noch mehr Anstrengungen, dass vorgegebene Ziel aufgrund des Vergleichs zu erreichen. Der selbstzerstörerische Prozess hat begonnen,

Ihr Selbstwertgefühl gerät ins Wanken. Um dieses Defizit auszugleichen, möchten Sie Ihre vermeinten Unzulänglichkeiten verstecken. Sie versuchen alles richtig zu machen, um Ihrem Umfeld die Möglichkeit zu nehmen sie möglicherweise zu kritisieren. Der Irrsinn der ständigen Selbstoptimierung kann unterschiedliche körperliche Symptome oder Krankheiten hervorrufen und es ist möglich, dass es bis zum physischen oder psychischen Erschöpfung kommt, manchmal kommt auch beides zusammen.

 

Was Sie tun können

Wenn Sie bemerken, dass sie negative Grundannahmen über sich haben, wie z.B. "Ich bin zu dick - zu dünn - zu dumm - zu unsportlich - zu faul etc.", schauen Sie sich diese Sätze genauer und versuchen Sie, sie zu hinterfragen und ihnen auf den Grund zu gehen, z.B. mit der Verortung einer bestimmten Grundannahme:

  • Woher kommt sie, wo liegt der Ursprung? Gibt es eine Person, die diese Bewertung über Sie abgegeben hat?
  • Passt sie heute noch zu Ihnen, hat sie generell jemals zu Ihnen gepasst?
  • Brauchen Sie die Grundannahme noch, hat sie heute dieselbe Funktion wie damals? Wofür war sie vielleicht sogar nützlich?

Machen Sie den ersten Schritt, um aus der Verworrenheit Ihrer Glaubenssätze und Selbstverurteilungen herauszutreten.

Hinterfragen Sie die innere Stimme, die Sie stets begleitet und verurteilt und üben Sie sich, die Selbstabwertung erst einmal wahrzunehmen.

 

Kleine Übung - Durchschauen Sie die Maske des inneren Richters

Wählen Sie einen Moment, in dem Sie einen Menschen kritisch beurteilen, gehen Sie kurz in sich und spüren Sie in sich hinein: Welches Gefühl haben Sie gerade, bedrückt Sie etwas?

Fühlen Sie sich gerade selber kritisiert und hat Ihre Verurteilung des anderen damit zu tun?

Warum greifen Sie innerlich sich oder jemanden anderen an?

Welche Eigenschaft, welches Verhalten verbietet Ihnen ihr innerer Richter, welches sich Ihr kritisiertes Gegenüber einfach so erlaubt?

Möchte ich vielleicht auch haben/machen/leben, was derjenige, den ich innerlich abwerte auch hat/macht/lebt?

Was sind meine Bedürfnisse?

 

Generell können Sie in Situationen, in denen Sie sich selber oder anderen gegenüber kritisch gegenüberstehen, oftmals als Anzeichen dafür nehmen, dass Ihre Gefühle und Bedürfnisse der Aufmerksamkeit bedürfen. Das kann dazu beitragen, dass Sie sich selber ehrlicher und intimer erleben. Es geht nicht um ein "wegmachen" der vermeintlich negativen Gefühle, die bei der Abwertung des Selbst oder des Anderen vorherrschen, sondern vorrangig um das Wahrnehmen und Erkennen der eigenen Bedürfnisse. Den inneren Richter zu mehr Verständnis und Milde im Umgang mit uns anzuregen. Ein Weg hinaus aus der Selbstabwertung  - hin zur Selbstfürsorge.

 

 

Weiterführende Literatur: Byron Brown - Befreiuung vom inneren Richter