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Maskierte Gefühle - Wie die Psyche unter ihnen leidet


Wie sich das Fühlen entwickelt

 

In der Neurowissenschaft hat alles, was unsere Gefühle betrifft, mit dem limbischen System in unserem Gehirn zu tun. Dieses sogenannte "emotionale Gehirn" ist für die Verarbeitung von Gefühlen und für die Steuerung unserer Triebe zuständig. Einigermaßen enttäuschend zu hören ist dabei, dass das meiste unwiederbringlich angelegt ist, wenn die Pubertät überstanden ist.

 

Eine Ebene des limbischen Systems formt sich bereits in der Zeit, in der wir im Bauch der Mutter sind. Wir fangen bereits im Mutterleib an zu fühlen.

In den ersten Kinderjahren entsteht eine weitere Ebene im limbischen System, die sich durch Erfahrungen mit unseren nächsten Bezugspersonen entwickelt. Diese Ebene bildet den Kern unseres Wesens, und beinhaltet die einflussreichsten emotionalen Prägungen in unserem Gehirn. In dieser Zeit entwickeln wir Mitgefühl.

 

Eine dritte Ebene im limbischen System entsteht etwa ab dem 14. Lebensjahr, welche bewusste Antriebe und Erfahrungen abspeichert. Man lernt, Risiken einzuschätzen, moralische Entscheidungen abzuwägen. Das Belohnungs - und Bestrafungssystem ist ebenfalls auf dieser Ebene beheimatet.

 

Der Jugendliche macht sich unabhängig von den Werten und  Überzeugungen der Eltern, er"sozialisiert" sich.

Gleichzeitig spielt die frühe Prägung des Jugendlichen eine Rolle: Ist er ein ängstlicher Typ Mensch? Ein Rebell? Ein Pessimist oder Optimist? Ein Kämpfer, der nicht so schnell aufgibt? Entsprechend seiner Prägung wird er sich ein Umfeld und Menschen aussuchen, die zu ihm passen.

 

Die Grundlage im emotionalen Bereich ist fest verankert, diese Persönlichkeit bleibt und ist man im Wesentlichen das ganze Leben lang

Dies kann man durchaus als Entlastung ansehen: Es wäre reine Energieverschwendung beispielsweise so sein zu wollen wie die Kämpfernatur, wenn man über die Grundausstattung eines Pessimisten verfügt. Warum sich also anstrengen um wie jemand zu sein, der über andere Eigenschaften verfügt, die bei einem selbst nicht vorliegen? Auf der letzte Ebene des limbischen Systems arbeitet der Verstand und die Intelligenz. Dort wird analysiert, es wird immer auf Hochtouren gearbeitet und mit Emotionen gekämpft. Hier werden neue Überzeugungen und Erkenntnisse aufgenommen und wieder verabschiedet. Das, was sie gerade hier lesen, wird dort bearbeitet und analysiert. Diese Ebene hat keinen Einfluß mehr auf die Persönlichkeit.

 

Es gibt noch einen weiteren Mitspieler im Gehirn - der Hippocampus, übersetzt: "Seepferdchen"

Es ist ebenfalls ein Teil des limbischen Systems. Das Seepferdchen reagiert hochsensibel auf emotionale Belastungen. Wenn es von zu vielen Reizen überflutet wird, können seine Strukturen Schaden nehmen, im schlimmsten Fall schützt es sich, indem es sich im limbischen System, ausschaltet. Ereignisse im Außen werden nicht mehr gespürt, die Gefühllosigkeit ist da und besteht beispielsweise als Hauptsymptom bei der Depression. Das Gute daran ist: Der Hippocampus genehmigt sich eine Auszeit und nimmt das Tempo raus. Er schützt sich und uns und ermöglicht dadurch eine Neuorientierung. Der Hippocampus ist in der Lage sich weiterzuentwickeln und in einem gewissen Rahmen kann sich unser Gehirn doch verändern, weiterentwickeln und stabilisieren, wenn wir es sinnvoll benutzen.

 

Wenn die Chemie im Kopf stimmt - Botenstoffe sind an unseren Gefühlen beteiligt

Es ist enorm wichtig, dass im Gehirn zwischen den Nervenzellen die richtige Konzentration der Botenstoffe herrscht.

Gefühle wie Liebe oder Hass, Fröhlichkeit oder Traurigkeit sind auch eine Frage der Botenstoffkonzentration im Gehirn als auch der Empfindlichkeit der Rezeptoren, die die Botenstoffe aufnehmen. Glückshormone wie Dopamin, Oxytocin, Cortison, Adrenalin, Endorphine oder Serotonin spielen eine enorme Rolle für die seelische Gesundheit.

 

Gefühle sind keine Krankheit

Psychische Abweichungen werden durch bestimmte Maßstäbe und Kriterien eingeordnet. Viele Menschen geraten in psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlungen, einfach nur deswegen, weil vorschnell entschieden wird und eigentlich angemessene Reaktionen auf bestimmte Ereignisse vorliegen, die überbewertet werden und als behandlungsbedürftig eingestuft werden. Die Gründe dafür sind unterschiedlicher Natur.

 

Die aktuellen Lebensbedingungen verlangen einem viel ab. Konkurrenzdruck im Beruflichen - als auch Privaten, anstrengende Arbeitsbedingungen als auch schwierige Lebensumstände erzeugen Dauerstress und ermöglichen durchaus Zeiten, in denen man zeitweise den Überblick verliert und nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht. Oftmals fehlen Menschen wie Eltern, Großeltern, Lehrer, Pfarrer, Freunde ..., die über eine gewisse Erfahrung verfügen und einem erklären können, worauf es ankommt, dass das was man erlebt angemessen ist. Die sich die Zeit nehmen um zu stärken und vorübergehend Halt zu geben. Wenn die innere Balance verlorengegangen ist, wenn man Zukunftsängste hat, weil zum Beispiel der Partner verstorben ist, wenn man Angst vor neuen Lebensumständen hat, dann ist dies nicht krankhaft, sondern durchaus angemessen, so zu empfinden. Es fehlen lediglich die unterstützenden Elemente, die man in dieser Lebensphase dringend braucht, und die aufgrund einer veränderten, digitalisierten Gesellschaft schwieriger zu finden sind.

 

Versteckte Gefühle

In unserer Gesellschaft werden Gefühle wie z.B. die Traurigkeit, als Schwäche angesehen. Weinen zählt als Schwäche und wird oftmals vertuscht, Verletzlichkeit wird vor anderen Menschen versteckt. Und somit machen sich alle gegenseitig das Leben schwer, viele scheinen fröhlich und gut gelaunt, verstecken sich hinter einer Maske, obwohl es innerlich ganz anders aussieht. Ein anstrengendes, verwirrendes Spiel. Die Möglichkeit, das ganze Gefühlsspektrum zuzulassen und zu zeigen, macht uns sympathisch und echter. Jedoch bedient man sich der Möglichkeit, sich hinter einer Fassade zu verbergen, man hat unterschiedliche Masken zur Verfügung, je nachdem was das Aussen gerade erfordert. Bis man selbst kaum mehr auseinanderhalten kann, was Maske ist und was das eigene Gesicht.

In sozialen Netzwerken wird das "Profil" geschönt, was das Zeug hält. "Likes" liefern die Anerkennung, die Anzahl der "Freunde" bestimmt den Selbstwert, Familienbilder werden eingestellt und es wird ein perfektes Bild von sich und seinem Umfeld erzeugt. Emoticons und Statuseinträge drücken die aktuelle Gefühlslage aus. Die selbstkreierte Maske sitzt wie angegossen, bloß keine Schwächen zeigen. Geweint wird alleine im stillen Kämmerlein, alles ist gut.

 

Lachen und Weinen

Wenn die Angst ständig weggedrückt wird, wenn man über die Traurigkeit hinweggeht, dann hat dies negative Folgen für die Psyche. Es sind die vielen kleinen verdrängten Traurigkeiten und Frustrationen, die kleinen Verwundungen und Enttäuschungen, die einen am Ende resignieren lassen und zu etwas Großem werden, der Weg in die Depression ist geebnet.

Gefühle wie Angst, Trauer, Wut, Unsicherheit und Neid gehören genauso zu uns wie Freude, Mut, Glück und Zuversicht.

Wenn wir traurige Menschen sehen, möchten wir sie vielleicht wieder aufmuntern, aber warum?

Damit sie wieder lachen - weil wir ihre Traurigkeit nicht ertragen können.

Andersherum kämen wir nicht auf die Idee, jemanden der ausgiebig lacht aufzufordern: "Weine doch mal wieder."

Obwohl das Weinen für unsere Psyche genauso wichtig und gesund ist.

Unsere Gesellschaft verlangt positive Gefühlszustände, weil negative Gefühle für die Umgebung anstrengend sind und Reaktionen als auch Mitgefühl erfordern.

 

Seien Sie mutig, lassen Sie ihre Gefühle zu.

Das wir so intensiv fühlen können, ist gut und hat einen Sinn. Gefühle gehören zu unserer Person, zu unserem Leben.
Weinen, Klagen und Schreien, wenn etwas sehr traurig ist und Lachen und laut Singen und Tanzen, wenn der Körper vor lauter Glück überschwappt, sind normale Reaktionen und ein durchaus passables Mittel, um wieder mehr Lebensqualität zu bekommen. Schaffen Sie Raum für Ihre Gefühle, den bedrückenden sowie den erfreulichen. Werfen Sie sich in die Wellen Ihrer Gefühlswelt, anstatt ihnen auszuweichen. Mehr Authentizität und Halt sind Folgen von zugelassenen, gelebten Gefühlen. Probieren Sie es mal aus!

 

 

 

*Literaturhinweis/Impressum