Die narzisstische Mutter - Spieglein, Spieglein an der Wand...

 

Was ist Narzissmus?

Der Ausdruck Narzissmus steht umgangssprachlich im weitesten Sinne für die Selbstverliebtheit und Selbstbewunderung eines Menschen, der sich für wichtiger und wertvoller einschätzt, als urteilende Beobachter ihn einschätzen. Übersteigerte Selbstliebe und Ichbezogenheit sind im eigenen Erleben eines Narzissten vorrangig, andere Menschen benötigt er als Spiegel, um Rückmeldungen für seine Grossartigkeit und besonderen Fähigkeiten zu bekommen.

 

 

 

Die narzisstische Mutter - Bin ich betroffen?

Oftmals bemerkt man über eine lange Zeit nicht, dass man in einem Familiensystem mit narzisstischen Verhaltensweisen lebt und bisher aufgewachsen ist. Mangelndes Empathievermögen und das unersättliche Dürsten nach Aufmerksamkeit sind zwar vorrangige Eigenschaften narzisstischer Mütter, jedoch leicht zu übersehen, wenn man sich seit der Kindheit in diesem Netz befindet und nicht richtig feststellen kann, warum es sich so oft schmerzlich und anstrengend anfühlt, man unter Schuldgefühlen und vermindertem Selbstwertgefühl leidet.

 

Es gibt bestimmte Merkmale, die alltäglich auftreten können und Hinweise auf eine narzisstische Persönlichkeitsstörung der Mutter geben, wie zum Beispiel:

  • Sie ist egozentrisch. Sie ist immer stärker an ihren Angelegenheiten interessiert als an denen ihrer Kinder. Es besteht nur oberflächlich Interesse an den Freuden, Sorgen und Nöten der Kinder.
  • Sie hat einen Mangel an Empathie. Körperliche Nähe oder Geborgenheit zuzulassen ist ihr kaum möglich, der Blick ist oftmals  leer und kühl und man fühlt eine Art von Kälte, falls es seltenerweise doch zu körperlicher Nähe kommt.
  • Sie kontrolliert alles und will alles wissen, verkauft dieses Verhalten als Interesse und Wohlwollen. Sie meint es ja nur gut!
  • Sie will ja "nur helfen", deswegen ist sie ständig in deinem Umfeld und mischt sich in deine Angelegenheiten ein.
  • Sie verlangt durchgängige Bereitschaft und Vor-Ort sein. Ständige Verfügbarkeit ist für sie selbstverständlich, egal wo du bist und was du gerade machst.
  • Ach , frag mich erstmal! Wenn man im Gespräch von eigenen Gefühlen, Empfindungen oder Erkrankungen spricht, versucht sie mit den ihrigen zu übertrumpfen, dein Anliegen wird kleingeredet oder ignoriert. (Bsp.: Wenn du eine Erkältung hast, hat sie die vorher schon gehabt und generell sehr viel schlimmer.)
  • Sie imitiert die Interessen anderer und übernimmt oftmals deren Meinungen oder Verhaltensweisen, um angesehen zu sein und sich aufzuwerten.
  • Sie hat einen unersättlichen Geltungsdrang. Selbst in Alltagssituationen ist ihr Verhalten oftmals überzogen. Aufgesetztes lautes Lachen, lautes Reden sind Beispiele dafür. Solche Verhaltensweisen reichen oftmals bis zur Provokation, dienen zur eigenen Selbstdarstellung. Dazu gehören oftmals auch scheinbar unauffällige Dinge, wie beispielsweise Parfüm zu stark aufzutragen oder stets zu räuspern wenn man sich in Gesellschaft jedweder Art nicht gesehen fühlt und auf sich aufmerksam machen möchte.
  • Sie glaubt, dass sie alles, was ihr Kind bzw. ihre Kinder tun, auch tun kann und sie besser darin ist. Sie ist die Beste, Schönste, Tollste! Alters - oder Generationenunterschiede blendet sie dabei aus.
  • Sie gibt an, schmollt, beschwert sich, stichelt mit verletzenden, unangebrachten Kommentaren, verhält sich großspurig und laut.
  • Sie ist nicht kritikfähig und reagiert auf Kritik wie ein kleines Kind, zeigt sich beleidigt, schmollt oder redet nicht mehr mit einem, verlässt einfach die Situation oder wirft anderen vor, auf sie neidisch zu sein.
  • In Diskussionen missinterpretiert und missversteht sogar einfache logische Argumentation.
  • Sie vergleicht dich mit anderen um dir zu zeigen, dass sie dich für minderwertig hält. Dies macht sie möglicherweise auch sehr freundlich, so dass man den "Messerstich" erst später bemerkt. Beispielsweise hebt sie vermeintlich gute Eigenschaften anderer übertrieben hervor, ohne dich direkt zu vergleichen. Besonders leicht gelingt ihr dies oft mit materiellen Vorzügen anderer.
  • Sie erniedrigt, kritisiert und macht dich schlecht. Generell hast du bei ihr weniger Ansehen als deine Geschwister, außer du bist so zu ihr, wie sie es gerne hätte. Dann bist du toll und der/die andere schneidet schlechter ab.
  • Geschwisterkinder spielt sie geschickt gegeneinander aus. "Sündenbock" oder "Lieblingskind" sind gängige Rollen, um Zwietracht zu säen. Aber auch andere Familienmitglieder, wie ihre eigenen Geschwister oder Nichten/Neffen, werden kategorisiert und gegeneinander ausgespielt, damit sie dort ebenfalls ihren Status aufrecht erhalten kann.
  • Wenn es nötig ist, wertet sie ihre eigenen Kinder ab, um bei anderen selber besser dazustehen oder sich als aufopfernde Mutter darzustellen. Sie brüstet sich aber auch gerne mit den Leistungen oder materiellen Vorzügen ihres Kindes, je nachdem was die Situation gerade erfordert. Andere Familienmitglieder sind davon nicht ausgeschlossen.
  • Sie gibt vor sich immer aufzuopfern und immer nur das Beste für ihre Kinder zu wollen, egal wie alt diese schon sind.
  • Sie drängt sich in die Beziehungen ihrer Kinder, egal ob es partnerschaftliche oder freundschaftliche Beziehungen sind. Grenzen sind für sie nicht vorhanden, Freunde der Kinder sollen auch ihre Freunde sein. Alle Freunde oder Partner*innen sind sowieso nicht gut genug, und sie lästert stets. Es kann soweit gehen, dass sie ihren Sohn bzw. Söhne als Partnerersatz missbraucht. Sie kann nicht loslassen.
  • Sie hat selber kaum soziale Kontakte. Sie hat grosse Schwierigkeiten Kontakt zu Menschen in ihrem Alter oder Umfeld aufzubauen, geschweige denn zu halten.
  • Sie lässt dich verrückt wirken. Wenn du versuchst, sie mit etwas, was sie getan hat zu konfrontieren, entgegnet sie „du hast aber eine sehr lebhafte Fantasie” (eine Phrase, die häufig von Missbrauchern aller Art benutzt wird, um deine Erfahrung mit Missbrauch zu "verwaschen"). Sie sagt, dass sie nicht weiß, wovon du redest.
  • Sie ist neidisch, wenn du etwas Schönes bekommst/erlebst will sie dies auch haben und versucht es zu bekommen oder will es dir verderben. Sie arbeitet ständig daran, Möglichkeiten zu finden um Dinge zu bekommen, die andere haben. Häufig beinhaltet der Neid auch die sexuelle Konkurrenz mit der eigenen Tochter oder Schwiegertochter. Sie geht in den Wettbewerb um Attraktivität, Jugendlichkeit und Schönheit.
  • Sie beutet aus. Sie manipuliert, um Arbeit, Geld oder Dinge von anderen Menschen zu bekommen, die sie darum beneidet. Das schließt natürlich ihre Kinder mit ein. Wenn sie ein Bankkonto für dich eingerichtet hatte, war sie natürlich bevollmächtigt und konnte selbst Geld abheben.
  • Sie zerstört Beziehungen egal wo sie auftaucht, sät Zwietracht zwischen den Kindern oder anderen Familienmitgliedern und nutzt ihren Status aus, da sie der Mittelpunkt bleibt, über den alle Familienmitglieder kommunizieren. Sie spielt die großmütige Vermittlerin obwohl sie die Verursacherin ist. Sie entscheidet, wer was zu hören bekommt und hat die volle Kontrolle über alle beteiligten Familienmitglieder.
  • Sie lügt und verschweigt. Lügen sind eine der Möglichkeiten, durch die sie Konflikte in ihren Beziehungen und bei den Menschen ihrer Umgebung schafft, um sich dann wieder als Vermittlerin einzuschalten. Sie lügt über ihre Beziehungen zu anderen Menschen. Sie verschweigt bestimmte Sachverhalte, um Situationen zu verändern und dich zum Handeln zu bewegen, wenn es für sie zuträglich ist.
  • Drama, Drama, Drama! Wenn etwas nicht so läuft wie sie möchte wird alles emotional dramatisiert und sie gibt sich als Opfer. Oftmals nutzen ältere narzisstische Mütter die natürlichen Einschränkungen des Alters, um Dramen heraufzubeschwören, oft indem sie ihre Gesundheit vernachlässigen oder Dinge machen, von denen sie wissen, dass sie davon krank werden. Dies gibt ihnen die Möglichkeit sich die Investition, die sie ihr Leben lang in ihr Kind gemacht haben, auszahlen zu lassen.("Jetzt musst du dir Sorgen machen/dich kümmern.")

All diese Aspekte kann eine Mutter mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung sehr unterschwellig und freundlich umsetzen, erst später bemerkt man die Seitenhiebe und Manipulationen und fühlt sich möglicherweise angegriffen und herabgesetzt, einfach für ihre Zwecke missbraucht und instrumentalisiert. Die benutzten "Methoden" müssen nicht immer sofort erkennbar und offensichtlich sein.

 

Fühlen und Denken der narzisstischen Mutter

Eine narzisstische Mutter sieht ihre Kinder als Objekte/Gegenstände, als Spiegel ihres grandiosen, künstlichen Selbstbildes. Es ist unerträglich für sie, wenn in diesen Spiegeln etwas anderes oder jemand anderes zu sehen ist, als sie selbst. Wenn beispielsweise die Tochter für besondere Eigenschaften von anderen gelobt wird, nutzt die Mutter dies sofort für sich und wertet sich mit den Qualitäten der Tocher auf, identifiziert sich damit. Die Tochter wirft ein positives Licht auf sie, als gute Mutter.

Jedoch wird dann nicht die Tochter - wie sie ist  - bewundert, sondern vielmehr ihre positive Eigenschaft, die die Selbstwertstörung der Mutter ausgleicht aufgrund der Tatsache, dass sich die Mutter als Quelle der bewundernswerten Eigenschaft sieht und diese somit für sich verbucht.

 

Menschen werden generell als Erweiterung des eigenen Selbst gesehen und als Objekte wahrgenommen, die den Wünschen und Bedürfnissen der Mutter unterliegen und keine Autonomie besitzen, sie sind nach Belieben austauschbar. 

Die Menschen mit denen sie sich umgibt, werden danach ausgewählt, inwieweit sie der benötigten narzisstischen Zufuhr dienen.

Ihr Weltbild ist geprägt von einer permanenten zwischenmenschlichen Grenzenlosigkeit und dem Verlangen, dass die eigenen Wünsche und Verlangen vom engsten umgebenen Kreis gestillt werden, ohne sie jedoch vorher geäußert zu haben.

 

Die unsichtbare Seite

Auf der anderen Seite fühlt sich die narzisstische Mutter unsicher, minderwertig und hat oft den Eindruck, nicht zu wissen wer sie wirklich ist. Die Selbsteinschätzung schwankt zwischen Minderwertigkeit und Größenphantasien. Sie leidet unter Selbstwertstörungen.

Sie sehnt sich nach Beziehungen und Nähe, kann diese aber nicht ertragen und zieht sich aus der Affäre, aus Angst "verschlungen" zu werden. Andererseits kann sie Distanz nicht ertragen, aus Furcht vor dem Alleinsein und Depression. Sie glaubt, besonders sein zu müssen, um geliebt und gemocht zu werden. Sie hat wenig Kontakt zu ihren Bedürfnissen und Gefühlen, fühlt sich nicht angenommen. Wenn die äussere Zufuhr von Anerkennung und Bewunderung droht auszubleiben, kann das verbleibend geringe Selbstwertgefühl zusammenbrechen und sie gerät in depressive Zustände.

 

Das Dilemma narzisstischer Menschen liegt darin, dass sie abhängig davon sind, schön, attraktiv, erfolgreich, leistungsfähig und bewundernswert zu sein, weil dies ihre Lebensbasis - ihre Daseinsberechtigung - aufzeigt. Schwierig wird das beibehalten dieser wichtigen Aspekte im Alterungsprozess. Solange die Mutter jünger geschätzt wird als sie eigentlich ist und noch körperliche Attraktivität aufzeigt, kann sie bis zu einem gewissen Grad ihren Bedarf an narzisstischer Zufuhr aufrecht erhalten.

In partnerschaftlichen Beziehungen bzw. Ehen herrscht oft ebenfalls eine Symbiose: "Wir machen alles zusammen, wollen immer dasselbe, lieben uns gleichstark... usw.". Die Individualität des Partners wird verleugnet, er hat nur noch für sie da zu sein. Wenn der Partner sein Recht auf Eigenständigkeit einfordert, erwarten ihn Beschimpfungen, die sogar in Hasstiraden umschlagen können. Eine Verselbstständigung wird mit den bekannten Manipulationstechniken verhindert.

 

Und was nun?

Wichtig ist zu beachten, dass eine narzisstische Mutter aufgrund ihrer Biografie bzw. frühen Prägungen diese Störung entwickelt hat und ihre Defizite durch die Störung ausgleicht. Das defizitär entwickelte Selbst war bzw. ist ihr Überlebensmechanismus und ist in der Kindheit entstanden. Die von ihr ausgehenden Verletzungen machen es möglicherweise schwer, diesen Aspekt zu akzeptieren. Andererseits ist ihr Verhalten aber nun erklär - und greifbarer für die eigene Erkenntnisarbeit. Es soll mehr ein Erklärungsmodell als eine Entschuldigung sein.

 

Das Erkennen der narzisstischen Persönlichkeitsstörung der Mutter ist der erste Schritt der Verbesserung, wobei sich das Erkennen aufgrund fehlender Vergleichsmöglichkeiten oft als schwierig darstellt. Da sich narzisstische Persönlichkeitstypen seltener in eine Therapie begeben oder Diagnose bekommen, bleibt oft nur die Möglichkeit sich selber Informationen einzuholen und eine eigene Beurteilung vorzunehmen. Ebenso zeigt sich die narzisstische Persönlichkeitsstörung nicht immer offensichtlich sondern eher verdeckt, was eine Identifizierung oftmals lange schwer macht. Ausschlaggebend kann häufig sein, wie man sich nach dem Kontakt mit der narzisstischen Mutter fühlt.

 

Der Kontakt mit Menschen, die eine Erkrankung bzw. Störung der Persönlichkeit haben, ist oft sehr anstrengend und kann viel Energie und Lebensfreude rauben, was sich je nach Dauer der Belastung und Intensität, auch irgendwann am eigenen Körper und Geist bemerkbar machen kann.

 

Wenn es jedoch möglich ist die Störung zu erkennen, kann es für alle Betroffenen eine Erleichterung sein.

Man ist aus der "Schuld" entlassen, plötzlich ergibt alles einen Sinn und kann zugeordnet werden. Auch wenn der Heilungsprozess noch andauern wird, das Leiden ist vorerst beendet und es gibt neue Perspektiven. Die gesamte Familienstruktur erscheint in einem neuen Licht und alle Familienmitglieder haben die Möglichkeit auf Veränderung. Die eigene Sichtweise zu erzählen, Situationen zu schildern und Erfahrungen zu beschreiben ist an sich bereits häufig erleichternd, gerade auch im Austausch in der betroffenen Familie. Wenn die narzisstische Mutter noch im weiteren Umfeld lebt, bleibt die Frage wie man weiter mit dieser Situation umgeht.

 

Eine ausgewachsene narzisstische Persönlichkeitsstörung hat im Regelfall keine gute Prognose auf Heilung, die Hoffnung auf Veränderung der Verhaltensweisen der Mutter könnte enttäuscht werden. Wenn die Belastung durch das entstandenen Leid hoch ist und man kaum Ressourcen zur Bewältigung im Umgang mit der narzisstischen Mutter hat, scheint es vorerst ratsam den Kontakt so weit es geht zu minimieren. Zumindest solange, bis man sich wieder sicherer im Umgang mit ihr und den neuen Gegebenheiten fühlt. Bei Bedarf empfiehlt es sich, auf die eigene Biografie unter Einfluss dieser Belastung zu schauen, um entstandene Wunden zu heilen und fehlende Kompetenzen zu erkennen und neu zu integrieren, als auch neue Bewältigungsstrategien für die weitere Zukunft zu erarbeiten.

 

 

Weiterführende Literatur:

Weiblicher Narzissmus - Der Hunger nach Anerkennung

von Dr. Bärbel Wardetzki